Full transcription
Montag - Nr. 195 – 14. Julius 1834.
Außerordentliche Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Nro. 275 und 276. 1834 (14 Julius.)
Blike auf Südtyrol.
Meran.
Es scheint wohl nicht ganz unzwekmäßig, in diesem Augenblicke, wo die Aerzte in einem großen Theile Süddeutschlands anfangen, ihre Brustkranken und Gichtkandidaten mit vielem Erfolge nach Meran zu senden, die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen interessanten Punkt unsres Vaterlandes hinzulenken, der in vieler Hinsicht mit Nizza und den Hyerischen Inseln wetteifert, und für Deutsche gewiß überwiegende Vorzüge besitzt. Denn abgesehen davon, daß die Reise nach jenen Orten beschwerlicher und auch kostspieliger ist, so ist bei empfindlichen Kranken schon die abweichende Lebensweise hinreichend, andere günstige Eindrücke, wenn nicht zu zerstören, doch mindestens zu schwächen. Auch wirkt eine zu weite Entfernung von der Heimath, unter fremden Nationalitäten, namentlich auf Kranke, die zur Hypochondrie geneigt sind, beängstigend; und so wohlthätig im Ganzen die milde Luft von Nizza auch für die Lunge seyn mag, so ist es erwiesen, daß zu gewissen Jahreszeiten, wie an allen Küsten, so auch dort Fieber grassiren, welche den Körper vollends entkräften. Nur zu reichliche Beispiele bestätigen diese Erfahrung. Meran hingegen liegt in einer durchaus gesunden Gegend, gegen Norden von hohen Gebirgen eingeschlossen, die sich wie eine Mauer gegen die ungeheuern Gletscher der Tiroler Alpenwelt erheben und ihren Einfluß, der manchem andern fruchtbaren Thale verderblich wird, zum großen Vortheile des schönen Etschtales binden und brechen. Nach Süden hin ist das Thal bis zur Rocchetta geöffnet, und der warme Hauch Italiens streicht über die Mittelhöhen hinweg und gelangt gemildert in diese Region, welche bereits 1187 Pariser Fuß über die Meeresfläche sich erhebt. Meran liegt 90 Par. F. höher als das im tiefen Gebirgskessel eingeschlossene Botzen, wo die Hitze unerträglich, die Kälte im Winter empfindlich wird, und 567 Pariser Fuß tiefer als Innsbruck, dessen Klima wandelbar und rauh ist. Um Meran wächst der Weinstock bis zur Höhe der Mittelberge und gibt einen gesunden, leichten Wein; der Feigen- und der Pfirsichbaum wachsen ohne Pflege wild, ersterer bringt zwei- auch dreifache Früchte. Auch Granaten sind nicht selten; Citronen und Orangen geben reichliche Ausbeute; der Acker empfängt zweimal im Jahre die Saaten zu doppelten Ernten; Kastanien und Nüsse bilden Wälder aus ungeheuern Stämmen, und alle edleren Obstarten, namentlich die weitverschickten Rosmarinäpfel, gedeihen hier im Ueberflusse und sind von vorzüglicher Güte. Deshalb ist der Aufenthalt in Meran zur Herbstzeit ebenso ersprießlich als angenehm. Die Traube ist saftreich und von so zarter Hülse umgeben, daß sie den nachbarlichen italienischen und selbst den so wohlschmeckenden raisins de Fontainebleau weit vorzuziehen ist. Eine Traubenkur ist hier daher weit mehr als in den Rheingegenden anzuempfehlen. Doch auch im Frühlinge, zur Zeit der Weinblüthe, wenn man mit jedem Atemzuge die balsamischen Blüthenstäubchen so vieler edlen Pflanzen einzieht, ist die Luft sehr heilsam. Oft, beim Spaziergange durch die herrlichen Felder bleibt man, vom Wohlgeruche gefesselt, entzükt stehen, athmet mit verdoppelten Zügen und fühlt ein unendliches Wohlbehagen den ganzen Körper durchströmen; man sieht mehr als je ein, wie wesentlich die Luft auf unsre Gesundheit einwirkt, und wie unverantwortlich es ist, Kranke in Nebeln, schädlichen Ausdünstungen und rauher, stets abwechselnder Witterung langsam hinsterben zu lassen, statt ihnen durch schleunige Luftveränderung Linderung ihrer Leiden zu verschaffen. Den Sommer hindurch ist hier die Witterung fortwährend gut. Ein anhaltend schlechtes Wetter ist selten, ein durchweg schlechter Sommer gehörte zu den Ausnahmen. Wenn bei großer Hitze sich überall Gewitterwolken thürmen, so ist es wunderbar zu sehen, wie sie von dem höchsten Gebirge der Gegend, der Mutt, schnell angezogen und nach dem Vinstgau oder dem Passeyerthal spedirt werden. Dort, in der Ferne, sieht man dann, wie die furchtbaren Wetter sich entladen, und das Etschland wird mit einem Strichregen quitt, der vielleicht ein Paar Stunden anhält und sogleich wieder dem schönsten Sonnenscheine weicht. Die aus den Schluchten herabströmenden Wildbäche zeugen dann durch ihre Heftigkeit und Farbe von der Wuth der glücklich abgewandten Ungewitter. Man sagt, daß fünf nicht unbedeutende Seen, auf der höchsten Spitze des Muttgebirges, die Ursache dieses Phänomens seyn sollen. — Sollte die Hitze im Hochsommer zu empfindlich werden, so laden die vielen auf den Höhen ringsumher zerstreuten Schlösser und Ortschaften gastfreundlich zu einem mehrwöchentlichen Besuche ein. Dies wird die Sommerfrist oder Sommerfrisch genannt, und ist in ganz Tyrol üblich. *)
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*) Ein andres Schreiben aus Südtyrol enthält darüber folgende Angaben, die wir zur Vervollständigung des Bildes anreihen: „Die Zeit der Sommerfrische (Sommerfrist) ist nun überall da. Seit 14 Tagen zieht ganz Botzen, zu Pferde, die steilen Berge hinan, die nach Oberbotzen und den Rütten führen, wo eine bedeutende Anzahl freundlicher Häuser und guter Gasthöfe alle Bequemlichkeiten des Lebens bieten, die in solcher Höhe zu finden wirklich überraschend zu nennen ist. Als sonderbar verdient bemerkt zu werden, daß hier oben die angenehmste Geselligkeit herrscht, während die übrige Zeit des Jahrs hindurch, in Bozen selbst, fast gar keine Gemeinschaft unter den Familien statt findet. Diese allerliebste Villegiatura währt bis Ende Septembers, wo die Weinlese Alle wieder in das Thal hinabruft. Wirklich ist die Hitze in Botzen unerträglich, und der Gesundheit, der vielen Sümpfe in dem Thale von Terlan wegen, wo der herrliche Wein wächst, sehr nachtheilig. Aber in Oberbotzen ist es gesund und lieblich, und die Luft ist die trefflichste, die man athmen kan. An herrlichen Partien fehlt es auch nicht. So ist ein Ritt auf den hohen, herrlichen Schlärn, und von dort über eine reiche Alp ins Grödenthal und Umgegend sehr belohnend, und Alles kan in drei bis vier Tagen zu Pferde sehr gut abgemacht werden. Auch von Meran aus, wo die Hize zwar auch groß, die Luft aber sehr gesund ist, ziehen die angesehensten Einwohner nach den Schlössern der umliegenden Höhen und dem freundlichen Partschins mit seinem großartigen Wasserfall. Die fernen und nahen Bäder fangen an sich zu füllen. Namentlich wird das kräftige Ultenbad stark besucht. Mad. Schechner-Wagen wird sich auch dahin begeben. Raby im Nonsberge (Val di None), einem sehr hochgelegenen Thale, wird größtentheils von Italienern besucht. Die Gegend ist romantisch, und das Wasser kan mit dem von Selters verglichen werden. Pejo, ihm gegenüber, wird für noch stärker gehalten; die Gegend ist wilder und einsamer. Am Allgemeinsten ist das Pruzer Wasser verbreitet, das fast ein Jeder in seinen Wein mischt. Wer einen weitern Ausflug nicht scheut, sucht die Heilquellen der lieblichen eugenäischen Hügelkette auf, woselbst Abano mit seinen trefflichen Anstalten einladend winkt. Zählt man hiezu die Bäder des nördlichen Tyrols, und die des Pusterthals, so wird man gestehen müssen, nirgend, wie hier, diesen wohlthätigen Heilkräften nahe zu seyn. — Das Fest
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Die Berge um Meran sind bis zur Mittelhöhe mit Wein und Kastanienwäldern bedeckt und oft bis zur Spize mit Korn und türkischem Weizen. Wohin das Auge sich wendet, erblickt man hohe Kultur des Bodens. Hier gesellen sich deutscher Fleiß und Arbeitsamkeit zum glücklichen Himmelsstriche und ergiebigen Boden. Mit unsäglicher Mühe wird oft die Gartenerde die Felsen hinangetragen, sorglich untermauert, daß sie nicht herabfalle, der Dünger in Körben hinaufgeschafft, und so die Ernte erzielt. Dagegen sieht man aber auch auf den höchsten Bergen stattliche Dörfer, mit Kirchthürmchen, welche den Himmel zu berühren scheinen; ein wunderbarer Anblick!
(Beschluß folgt.)