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Versuche mit dem Anbau von chinesischem Bergreis in Tirol

Zusammenfassung

Im Jahr 1819 wurden auf Initiative von Gubernial-Vizepräsident Graf von Chotek erste Versuche zum Anbau von chinesischem Bergreis in Bozen und Trient durchgeführt. Trotz späten Saatguts und großer Trockenheit zeigten die Resultate das Potenzial der Nutzpflanze für die tirolische Landwirtschaft. Weitere Anbauversuche für das kommende Jahr wurden angekündigt.

Vollständige Transkription

Nachrichten für den vaterländischen Landbau.

Botzen, den 15. Okt. Es dürfte nicht unwillkommen seyn, einige Nachrichten über die nunmehr auch hierzulande gemachten Versuche mit dem Anbau des chinesischen Berg-Reises zu erhalten, dessen leichtes Fortkommen auch in höher gelegenen, trockenen Erdreich und dessen vorzügliche Produktionskraft durch den österreichischen Beobachter vom 18. April d. J. Nro. 108 so hoch gerühmt wird, daß er mit dem Namen des „Tausendfältigen“ pranget. Welch Glück für ein Land wie Tyrol, das bei seinem äußerst mühsamen Feldbau nur kärglichen Lohn seines Schweißes erzielt, das bei dem Mißraten seiner wenigen landesüblichen Fruchtgattungen sich auch gleich von Theuerung und Nothstand gedrückt sieht, das endlich noch manchen unbeurbarten Grund besitzt, – besonders wenn die Möser ausgetrocknet und durch Regulierung der Flüsse und Wildbäche neues Erdreich zur Erzielung seines Bedarfes errungen wird; – Welch Glück für dieses Land, wenn jene so nahrhafte Pflanze, welche als gesunde und zarte Nahrung den edelsten Fruchtgattungen an die Seite gestellt werden muß, an Fülle und Reichthum der Reproduktion aber alle weit übertrifft, auch hier ihr Gedeihen finden, sich allmählich akklimatisiren, und in ihrem ausgedehnteren Anbaue ohne Verpestung der Atmosphäre, wie bei dem italienischen Reisbaue, doch wie dieser ihre Fruchtbarkeit zeigen sollte. Der Herr Gub. Vice-Präsident Graf von Chotek war es, welcher über die Kunde von den Vortheilen jener Pflanzung, sich der erste bewarb, um einige Saamen dieser ausländischen Fruchtgattung zu erhalten und um die wichtigen Versuche dieser Pflanzung in den verschiedenen Bodengattungen unseres Gebirgslandes zu beginnen. Nur 30 Körner war es ihm möglich zu erhalten, demohngeachtet leitete er damit die beabsichtigten Versuche ein. Fünfzehn Körner davon kamen hierher. Es fällt auf, wie gefährlich und schwierig ihre Anpflanzung wurde. Die Versuche des Anbaues wurden vielleicht mit zu vielen Vorsichten und Besorgnissen, jedoch durch einen sehr erfahrenen und bewährten Oekonomen auf dreifache Weise vorgenommen. Fünf Saamenköner wurden nach vorläufiger nächtlicher Einweichung im Wasser auf einer Anhöhe in den sogenannten Leiten, bei Botzen, fünf Körner ohne einer solchen Einweichung in der Ebene auf der Schatten- und fünf Körner auf gleiche Art in der Ebene auf der Sonnen-Seite im Gartengrunde etwa 3/4 Zoll tief eingesetzt – doch erfolgte dieser Anbau wegen verspäteter Ueberkommung des Saamens erst am 8. Mai d. J., wo in hiesiger Gegend doch sogar Melonen schon im Monate März gesetzt werden. Am 20. desselben Monates, also nach 12 Tagen, sproßtsen aus jedem Saamen sehr dünne, grüne Hälmchen, in der Höhe eines Zolles und in der Form einer sehr feinen Stricknadel hervor, und von allen Pflanzen waren nur zwei in der Anhöhe (Leite) ausgeblieben. Es schien nun in dem Wachsthume ein förmlicher Stillstand eingetreten zu seyn, welcher jedoch sich im Juni sichtbar wieder einfand und vom 20. dieses Monats bis zum 24. Juli das grüne Hälmchen zu einem 14 bis 16 Zoll hohen, und verhältnismäßig dick gerundeten Halm trieb, aus dessen Spitze sich eine Aehre in der Länge von 2 bis 4 Zoll entwickelte, welche am 28. Juli schon gleich dem Roggen mit weißen Fädchen in Blüthe übergieng und 50 bis über 70 Körner enthielt. Gleichzeitig mit dem Blühen dieser Hauptähre fiengen von beiden Seiten aus der Erde heraus neue Hälmchen (Zukindeln) hervorzusproßen an, welche schneller emporwuchsen, doch bei ihrer immer weitern Vermehrung zu beiden Seiten auch an der Höhe und Stärke des Halmes und an der Länge der Aehre abnahmen, und in beinahe regelmäßiger Abstufung auch den Blüthenstand von einander gleichsam übernahmen. Die 10 Saamenköner in dem Gartengrunde haben 6 bis 12 Halmen und Aehren aus Einem Saamen gebildet, während die 3 zum Vorschein gekommenen Pflanzen in der Leite, wahrscheinlich wegen übelgetroffener Einweichung des Saamens, und wegen fürgewalteter ungewöhnlicher Trockne und Hitze, welche selbst dem Weinstocke Schaden zufügte, nur aus 2 bis 3 Halmen und Aehren kleinerer Größe und geringerer Qualität bestehen. Bemerkt muß hier noch werden, daß einige Male, wenn wegen der ganz außerordentlichen Trockne des heurigen Jahres der jungen Pflanze die Gefahr der Abwelkung drohte, dieselbe nur wenig begossen wurde. Die Blüthezeit im allgemeinen dauerte bei der ganzen Pflanze bis 14. August und nur einzelne erst spät hervorgekommenen Zukindeln bei zwei Pflanzen sind dermal noch im Ausblühen begriffen. Die Abreifung erfolgte erst bei zwei Pflanzen im Gartengrunde auf der Sonnenseite; und die Ausbeute von diesen zwei Saamenkörnern bestand in: 150 vollkommen guten Körnern, größer als der überkommene Saamen — und 447 blinden Körnern, wahrscheinlich wegen zu späten Anbau — somit zusammen in: 597 Körnern. Die Abreifung der noch stehenden Pflanzen scheint nächstens zu erfolgen, und läßt mit Ausnahme jener auf der Leite, eine noch bessere Ausbeute erwarten. Die Folgen dieser ersten Versuche können von der höchsten Wichtigkeit für unser Land werden; zumal wenn darin die thätigen und eifrigen Landwirthe eine Aufmunterung finden, durch sachkundige Bemerkungen und wohlmeinende Rathschläge über Verbesserung in der Behandlung und im Baue dieser Pflanze dazu beizutragen. Im kommenden Jahre, werden wir nicht ermangeln, neuen Bericht über die weitern Resultate dieser Kultur zu geben.

Trient, den 14. Okt. Gewiß die größte Aufmerksamkeit verdient besonders in den Thälern unsers gebirgichten Vaterlands die Beschreibung, welche Reisende und öffentliche Blätter von dem „chinesischen Bergreis“ geben, der im gebirgichten und trocken Boden gedeiht, und die ungeheuere Bevölkerung von China nährt. Durch die Bemühung des Herrn Vice-Präsidenten Graf von Chotek gelang es uns im verflossenen Frühjahr 10 Körner jener Pflanze zu erhalten. Damit begannen wir die Versuche; da aber die Jahrszeit bereits zu sehr vergerückt war, nämlich in der zweiten Hälfte des Monats Mai, so war der Erfolg nicht, wie er erwartet werden konnte; um so minder als der Boden von Ungeziefer geplagt war, welches einige aufgeschossene Pflanzen abbiß. Nur eine Pflanze gedeihte; da die Pflanze jedoch schwächlich war, schnitt der Landwirth zwei Seitensprößlinge weg; die reife Aehre gab 20 und ein Sprößling daneben 6 Körner; die übrigen reiften nicht. Wäre die Saat früher geschehen, so daß alle Sprößlinge jener einzelnen Pflanze hätten abreifen können, so berechnete der Landwirth, welcher den Versuch machte, würde diese einzige Pflanze 188 Körner getragen haben. Der nähmliche Landwirth bemerkt, daß er dieses theilweise Mißlingen nur der verspäteten Aussaat und jenen unbekannten meteorischen Ursachen zuschreiben könne, welche die Weinlese des Gartens, wo er die Versuche anstellte, auf die Hälfte des vorjährigen herabsetzte. Doch dürfte schon durch das theilweise Gelingen die sichere Hoffnung gegeben seyn, daß die künftigen Versuche gewissere und für unser Vaterland höchst wichtige Resultate geben werden.

1819 im Überblick

Das Jahr 1819 war in der Region von landwirtschaftlichen Innovationen, Naturereignissen sowie bedeutenden regionalen Märkten geprägt. Während Unwetter im Sommer schwere Schäden verursachten, zeigten landwirtschaftliche Versuche wie der Anbau von Bergreis und positive Ernteaussichten das wirtschaftliche Potenzial der Region. Ergänzt wurde das Jahresgeschehen durch offizielle Ehrungen, kirchliche Jubiläen und Maßnahmen zur Förderung des Handels.

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"Versuche mit dem Anbau von chinesischem Bergreis in Tirol." Der Bote für Tirol, 21. Oktober 1819. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/21.10.1819/149565/3. https://meran-archive.com/de/artikel/1819-10-21-versuche-mit-dem-anbau-von-chinesischem-bergreis-in-tirol